Indien – prächtige Farben, Paläste zum Träumen und uralte Kulturen

Indien

… falls du immer noch nach einem Geschenk für einen Freund suchst, gibt es etwas, das ich dir gerne empfehlen möchte:

indien_gh_001Ein Buch, das „Shantaram“ heißt und von einem Mann namens Gordon ist. Shantaram war schwer zu lesen und falls du jemals in einem fremden Land bist, du viele Stunden totschlagen musst oder in Zügen verbringst, ist es das Beste was du tun kannst. Vergiss das Essen oder Wasser! Das Buch hat mir das Leben gerettet, als ich 3 Stunden zu spät in einer tollen Stadt namens Patna im Nordosten Indiens total entnervt ankam, da ich meinen Anschlusszug in die Region Darjeeling verpasst hatte. Um ehrlich zu sein, hatte ich ihn gar nicht wirklich verpasst, sondern der Zug kam 6 Stunden später! Um 1:00 Uhr nachts ist Patna kein Ort, an dem man sein sollte – es gibt Diebe und Schlimmeres und ich wurde gewarnt, keinen Fuß aus dem Bahnhof zu setzen, also ging ich zu dem Warteraum für Damen und nahm mein Buch raus. Ich sah die anderen Passagiere an, die teilweise auf dem schmutzigen Boden saßen, mit einem Stück Karton zwischen ihnen und dem Boden. Schüchternes Lächeln ging herum – und nach etwa 20 Minuten, die ich im Halbdunkeln gelesen hatte, auf einem klapprigen, sehr unbequemen Plastikstuhl, an die Wand gelehnt, hörte ich etwas Lustiges, als alle Damen dösten oder schon fast eingeschlafen waren – aber ich konnte, als ich von meinem Buch aufschaute, kaum etwas hören … und auch nichts Außergewöhnliches finden. Also konzentrierte ich mich wieder auf mein Buch. Dann hörte ich es wieder. Diesmal schauten auch einige von den anderen Damen auf. Dann sah ich es: Eine der schlafenden Personen, die – in einen Sari gewickelt- auf dem Boden schlief, hatte eine der größten Ratten, die ich je gesehen habe, angezogen. Die Ratte suchte Schutz unter dem Sari, als ob sie spüren konnte, dass alle wachen Augen sie anstarrten und ein Lärm im Wartezimmer ausbrach. Überall waren Ratten und auch ein paar Mäuse – im Vergleich zu den Ratten waren sie klein und sahen süß aus. Die Frauen stampften auf den Boden, klatschten laut in die Hände und zischten die Ratten an. Die nächsten 6 Stunden teilten wir den Warteraum mit den unwillkommenen Gästen und alle Füße waren auf den unbequemen Plastikstühlen. Deswegen hat mich das Buch diese Nacht gerettet, es wären sehr ungemütliche und lange 6 Stunden gewesen, wenn ich nicht so etwas Spannendes zu lesen dabei gehabt hätte.

indien_gh_002„Es ist ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit“, lautete das offizielle Statement, welches ich aus der lokalen Zeitung entnahm. Wir erreichten heute eine Temperatur von 4°C. Ich habe mir schon die letzten Tage den Hintern abgefroren, so dass ich mich dafür entschied, auf Tuk Tuks oder Jeeps umzusteigen. Natürlich reise ich mit einem schlecht gefülltem Geldbeutel, und so kommt es, dass ich mir nur eine Unterkunft im Gästehaus leisten kann. Ich zahle ca. 150 Rupees (3€) für die Nacht, was immer noch ein bisschen teuer ist, aber ich fand, dass ich mir den Luxus von heißem Wasser 2x täglich in Eimerform redlich verdient habe. Ich nutzte das Wasser nach einem wohltuenden Fußbad dann noch, um es mir mit einer Wärmflasche im Bett richtig gemütlich zu machen, da man zu diesem Preis keine Heizung im Zimmer erwarten kann.

Gestern war ich an einem wunderschönen See – nur ein paar Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt. Auf der indischen Seite sind sehr viele Minen im Boden, aber der See verliert dadurch in keinster Weise die Ehrerbietung der tibetischen Anwohner, für die der See heilig ist. Der Tsomgo See liegt auf einer Höhe von 3.750 Metern über dem Meeresspiegel. Es gibt Yaks, die jeden Flecken grün abgrasen, den sie unter dem Schnee finden können. Als die Sonne die Oberfläche des Sees berührte, war ich schier überwältigt von den unzähligen funkelnden Lichtern, die über den See und den umliegenden Schnee huschten. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, warum die Tibeter denken, dass der See heilig ist und magische Energien über die umliegende Landschaft streut. Bald ist es wieder Zeit, zurück in die heißen Tiefebenen von Indien zu kehren, um weiter nach Bangalore zu reisen. Darauf freue ich mich besonders, weil ich zu einer Hochzeit von Freunden eingeladen bin. Netterweise werde ich abgehohlt und mir wurden sogar  Kleidung und Schuhe für den festlichen Anlass zugesagt. Ich war wirklich dankbar dafür!

indien_gh_003Bevor ich nach Sikkim kam, wollte ich unbedingt noch in Bhutan vorbei schauen. Eine Möglichkeit, dieses sehr verschlossene Land zu besuchen ist, sich ein Visum für 200€ pro Tag zu kaufen. Ich hatte allerdings gelesen, dass die Grenzen in der Nähe von Siligure für Tagesbesucher geöffnet sind. Also begab ich mich auf einen 4 stündigen Ausflug dort hin. Dort angekommen, wurde ich von einer Gruppe Jugendlicher in Jeans und Jumper empfangen. Sie sagten: „No you can not!!! Please go away“. „Verdammt“, hab ich da gedacht. Das war ein wirklich langer Trip in einem sehr ungemütlichem Bus und ich werde mich nicht von ein paar halbstarken Jugendlichen vertreiben lassen. Dann stellte sich schließlich heraus, dass die Jungen die Grenzwache waren. Als ich das hörte, war ich nicht mehr so aufmüpfig, lächelte nur etwas verwirrt und blieb auf der Stelle stehen. Sie zeigten mir einen Visums-Antrag und erklärten mir einiges in sehr gutem Englisch. Vielleicht hatten sie die Schnauze von meinem Betteln und Flehen voll, aber als ein älterer Mann auftauchte und etwas zu den Jungen sagte, erwiderten sie nur mit einem Lächeln: „Half an hour“. Ohne zu zögern stürmte ich durch das riesige Tor. Es gibt keine Hindernisse oder Barrieren, die den Weg in die Stadt blockiert hätten. Als ich viele Stunden später wieder aus der Stadt raus kam, hatte ich einen entzückenden Tag voller gutem Essen und leckerem Tee hinter mir. Ich bin in einem Kaffee gewesen, welches eine absolut geniale Version einer Schwarzwälder-Kirsch-Torte führte. Alles in allem habe ich viel gute Laune, vier Stücke feinster Torte und ein paar Münzen und Banknoten für meine Sammlung aus Bhutan mitgenommen. Am Tor saßen immer noch dieselben jungen Kerle, die nicht allzu freundlich schauten, als sie sahen, wie die Lady, der sie 30 Minuten gegeben hatten, Stunden später fröhlich und frech grinsend wieder aus der Stadt kam. Als ich aber den Deckel der Kuchenbox anhob und sie sahen, was sich in der Box befand, schlug deren Mine schlagartig in freundliches Lachen und nette Grüße um. Ich fand bald einen Bus und befand mich wieder auf dem Weg zurück nach Siliguri – viele Erinnerungen an einen Tag in Bhutan, wo Männer Röcke tragen, die fast wie Schottenröcke aussahen und schwarzen Socken, die sie bis zu den Knien hochzogen.

Vor ein paar Tagen bekam ich einen riesigen Schock. Ich habe zwei Speicherkarten für meinen Fotoapparat und als ich Varanasi war, habe ich eine Speicherkarte auf CD gebrannt, um mehr Platz für meinen Sikkim Trip zu machen. Während ich im Bett saß und die Fotos anschaute, nahm ich die andere Karte raus und mir wurde klar, dass ich aus Versehen 2 GB von der falschen Karte gelöscht habe. Ich habe die ersten Wochen in Dharamsala und Rajastan verloren – sowie die unvergessliche Rückkehr zu dem heiligen Tempel in Amritsar. Nachdem ich mich erholt und mich innerlich angeschrien habe, gab es nichts bleibendes außer meinen Erinnerungen an diese wunderbaren Orte. Mir war auf einmal so heiß  und ich brauchte meine heiße Wasserflasche nicht länger. „Das Leben ist ein Strand“, dachte ich – und bald werde ich am Strand liegen, da ich nach meinem Besuch in Bangalore für ein paar Wochen nach Sri Lanka reisen möchte – Einige von euch waren erst kürzlich dort und ich habe alle möglichen Geschichten über das Land und die berühmten Strände und Küsten gehört. Der Krieg im Norden und sonst wo lässt mich kalt – ich habe nicht vor, dort hin zu gehen. Natürlich ist es für die Leute, die dort leben und damit konfrontiert werden, nicht so leicht und ich habe schon furchtbare Geschichten darüber gehört. Zum Schluss würde ich gerne etwas mit euch teilen, das ich auf der Rückseite eines T-Shirts in Varanasi mit meinem Freund B. gesehen habe: kein Geld wechseln, keine Souvenirs, keine Rikschas, kein Baksheesh, kein Hotel, kein PROBLEM. Das beendet die Eindrücke eines Touristen mit dem alltäglichen indischen Leben.

Manchmal macht es dich wahnsinnig, wie dringend die Leute versuchen, dir etwas zu verkaufen. Wenn es dann soweit kommt, dass man gegen jemanden stößt, der einem nur sagen möchte, dass du dein Buch fallen gelassen hast, dann ist es Zeit, in ein anderes Land oder auf Hügel zu flüchten – was ich machte. Der Frieden und die Ruhe hier ist beruhigend und kein einziger Mensch möchte dir etwas verkaufen – was für eine Pause. Natürlich sind die Hügel berühmt für ihre größte Exporteinnahmequelle: TEE. In Darjeeling, während ich auf meine Erlaubnis warte, nach Sikkim zu reisen, probierte ich alle Sorten. Es war ein großes Glück, in einem im Kolonialstil gebauten, beheizten Café zu sitzen, die goldene Flüssigkeit zu schlürfen, auf die Teekanne aus Messing mit einem roten Wärmer über dem heißen Henkel zu schauen, sowie auf das silberne Sieb und das köstliche Milchkännchen und über die Täler zu blicken, die unter dir liegen und sich endlos ausbreiten. Noch toller aber ist es, auf dem Spielzeugzug zu sitzen und mit einer Geschwindigkeit von 1km/h durch die alten Dörfer zu fahren, vorbei an tibetischen Klöstern und vollen Märkten und aufzupassen, dass man den Staub von den Dampfmotoren nicht in die Augen bekommt. Als ich in Sikkim ankam, habe ich mich in die Zeit zurückversetzt gefühlt. Gangtok ist lebhaft und sehr geschäftsorientiert. Wenn man ein paar Kilometer weiter weg war und eins von vielen tibetischen Klöster angeschaut hat, fühlt man sich zutiefst vom 21 Jahrhundert entfernt und man braucht Zeit, um sich auf dem Weg zurück in die Stadt zu erholen.

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